Erschienen am 20/06/2026

Bei komplexen Einsatzlagen im Bevölkerungsschutz, etwa beim Brand einer industriellen Lagerhalle, treffen unterschiedliche Organisationen, Aufgaben und Informationssysteme aufeinander. Feuerwehren nutzen Anwendungen zur Kräfteübersicht und Einsatzdokumentation, nachrückende Einheiten arbeiten mit Alarmierungs- und Navigationssystemen, der Rettungsdienst dokumentiert Patientendaten in eigenen Anwendungen, Drohneneinheiten liefern Bildmaterial über separate Plattformen und Gefahrgutdaten werden häufig über spezialisierte Datenbanken abgerufen.

Jede dieser Anwendungen erfüllt für sich genommen einen klaren Zweck. Wie dieser Fachartikel zeigt, entstehen die zentralen Herausforderungen weniger durch die einzelnen Anwendungen selbst, sondern vor allem an deren Schnittstellen. Da viele Systeme nicht herstellerübergreifend kompatibel sind, fließen digital erfasste Daten nicht automatisch zusammen. Informationen müssen weiterhin über Funk, Zuruf, Telefon, Messenger-Dienste oder manuell gepflegte Lagekarten zusammengeführt werden. In dynamischen Lagen führt dieser Medienbruch zu Zeitverlusten und erhöht das Risiko, dass Informationen verspätet, unvollständig oder widersprüchlich in die Führungsentscheidung einfließen.

Besonders deutlich wird dies, wenn zusätzliche Akteure wie Polizei, Fachberater, Betreiber kritischer Infrastrukturen oder überörtliche Einheiten eingebunden werden. Mangels automatisierter Schnittstellen wird der Datenaustausch dann häufig provisorisch organisiert, etwa durch das Abfotografieren analoger Lagekarten oder das manuelle Übertragen von Informationen in ein weiteres System. Digitale Werkzeuge schaffen in solchen Fällen nicht automatisch mehr Übersicht, sondern können zusätzliche parallele Informationsräume erzeugen.

Vier Softwarewelten mit eigenen Datenbeständen

Die Fragmentierung entsteht auch dadurch, dass im Feuerwehrwesen mehrere Softwareumgebungen mit klar abgegrenzten Aufgabenbereichen parallel betrieben werden. Am Beginn der Informationskette steht die Leitstellensoftware. Sie dient der Notrufannahme, der Festlegung des Einsatzstichwortes und der primären Disposition von Einheiten.

Daran schließen Alarmierungs- und Mobilisierungssysteme an. Sie informieren Einsatzkräfte über mobile Anwendungen, erfassen Rückmeldungen und Personalverfügbarkeit und stellen häufig erste Navigations- oder Einsatzdaten bereit. Wie im Fachartikel beschrieben, wird vor Ort im Einsatzleitwagen oder in einer Führungsstelle häufig eine Einsatzführungssoftware genutzt, um Lagekarte, Kräfteübersicht, Einsatztagebuch und Abschnittsbildung abzubilden. Ergänzend verwalten Verwaltungsprogramme im Hintergrund Personalstammdaten, Qualifikationen, Fahrzeuge, Geräte und Materialbestände.

Diese Daten wären für andere Anwendungen unmittelbar relevant. Personalqualifikationen könnten für die Besetzung von Sonderfunktionen wichtig sein, Materialdaten für die Einsatzplanung, Kräfteübersichten für die Leitstelle. Der Fachartikel „Führungsunterstützung im ELW: Ausbildung für komplexe Einsatzlagen“ verdeutlicht, dass Kräfteübersichten für die Leitstelle ebenso relevant sein können wie aktuelle Lageinformationen für nachrückende Einheiten. In der Praxis bleiben diese Informationen jedoch häufig in ihren jeweiligen Systemgrenzen eingeschlossen. Ein durchgängiger, automatisierter Abgleich findet vielerorts nicht statt.

Digitalisierung auf Stufe 3: spezialisiert, aber isoliert

Die aktuelle Entwicklung lässt sich als Reifegradmodell beschreiben. Auf Stufe 1 arbeiten Organisationen rein analog. Stufe 2 umfasst isolierte Büroanwendungen, etwa Tabellen oder einfache Dokumentationssysteme. Stufe 3 beschreibt den Einsatz spezialisierter Einzelsoftware für definierte Aufgabenbereiche. Stufe 4 wäre erreicht, wenn diese Systeme über herstellerübergreifende Schnittstellen vernetzt sind, wie in unserem Artikel nachzulesen ist.

Viele Feuerwehren befinden sich heute faktisch auf Stufe 3. Es existiert spezialisierte Software für Alarmierung, Führung, Dokumentation, Personalverwaltung oder Sonderlagen. Der Informationsfluss zwischen diesen Systemen bleibt jedoch weitgehend manuell. Damit entsteht ein Widerspruch: Die Einsatzstelle ist digitaler geworden, aber nicht zwingend vernetzter.

Ein häufiger technischer Lösungsansatz besteht in direkten Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen einzelnen Produkten. Diese bilateralen Schnittstellen können kurzfristig helfen, führen langfristig aber in ein strukturelles Schnittstellendilemma. Mit jedem zusätzlichen System steigt die Zahl möglicher Verbindungen, die gepflegt, dokumentiert und bei Updates überprüft werden müssen. Dadurch entstehen neue Abhängigkeiten zwischen Herstellern, Aufgabenträgern und IT-Dienstleistern. Gleichzeitig wächst das Risiko, dass Softwareänderungen einzelne Datenflüsse unterbrechen.

Der ELW als zentrale Datendrehscheibe

Ein tragfähiges Zielbild liegt nicht darin, jede Anwendung direkt mit jeder anderen Anwendung zu verbinden. Entscheidend ist vielmehr, dass einsatzrelevante Daten standardisiert in das zentrale Einsatzführungssystem eingespeist werden können. Im verlinkten Fachartikel wird der Einsatzleitwagen deshalb als mögliche taktische Datendrehscheibe beschrieben, an der einsatzrelevante Informationen zusammengeführt, bewertet und für Führungsentscheidungen nutzbar gemacht werden.

In diesem Modell laufen nicht alle Informationen ungefiltert zusammen. Vielmehr müssen Daten nach taktischer Relevanz, Verantwortlichkeit und Aktualität strukturiert werden. Der Fachartikel macht deutlich: Ein gemeinsames, belastbares Lagebild entsteht erst, wenn Daten wie Kräfteverfügbarkeit, Lageinformationen, Gefahrstoffdaten oder Drohnenbilder strukturiert in einem Einsatzführungssystem zusammengeführt werden. Gleichzeitig müssen Zuständigkeiten klar bleiben. Nicht jede Organisation benötigt Zugriff auf alle Daten, aber jede relevante Information muss dort verfügbar sein, wo sie für die Einsatzentscheidung gebraucht wird.

Für die Praxis bedeutet dies: Interoperabilität ist keine rein technische Komfortfunktion. Sie wird zu einer Voraussetzung für Führungsfähigkeit in komplexen Lagen. Je mehr Organisationen, Fachberater und Spezialressourcen beteiligt sind, desto stärker entscheidet die Qualität des Datenflusses über Geschwindigkeit und Verlässlichkeit der Lagebeurteilung.

Datenräume benötigen klare Governance

Um den Datenaustausch über einzelne Einsatzstellen hinaus zu organisieren, wird im Bevölkerungsschutz zunehmend das Konzept eines übergreifenden Datenraums diskutiert. Gemeint ist eine herstellerunabhängige Infrastruktur, über die Behörden, Feuerwehren, Rettungsdienste, Hilfsorganisationen und weitere Akteure Daten austauschen können, ohne ihre jeweilige Datensouveränität aufzugeben.

Die technischen Voraussetzungen dafür sind grundsätzlich vorhanden. Die größere Herausforderung liegt in der Daten-Governance. Es muss verbindlich geregelt werden, wer welche Daten bereitstellt, wer sie nutzen darf, welche Verantwortung mit der Nutzung verbunden ist und wie Datenschutz, IT-Sicherheit und Einsatzrelevanz miteinander in Einklang gebracht werden. Da kommunale Feuerwehren, private Rettungsdienstleister, staatliche Behörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen zusammenwirken, kann diese Ordnung nicht allein durch einzelne Hersteller oder lokale Absprachen entstehen.

Notwendig sind politisch legitimierte Strukturen, klare rechtliche Grundlagen und einheitliche technische Standards. Als Lösungswege kommen gesetzliche Regelungen, verbindliche Normen oder staatlich betriebene Austauschplattformen infrage. Entscheidend ist, dass Interoperabilität nicht erst im Ereignisfall improvisiert wird, sondern bereits in Beschaffung, Ausbildung und Einsatzplanung mitgedacht ist.

Praxisbeispiel Bretten: klare Systemgrenzen statt Tool-Mix

Als Praxisbezug verweist der Fachartikel auf die Freiwillige Feuerwehr Bretten, die unterschiedliche digitale Systeme je nach Einsatzszenario klar voneinander abgrenzt und organisatorisch festlegt, wann welches Werkzeug genutzt wird. Dort wurde im Vorfeld festgelegt, welche Systeme für welche Einsatzszenarien genutzt werden. Im alltäglichen Dienstbetrieb kommen auf den Einsatzfahrzeugen reduzierte Tablet-Systeme zum Einsatz. Sie unterstützen vorrangig Navigation, Alarmierungsdaten und einfache Basisdokumentation.

Bei komplexen Großlagen erfolgt dagegen ein systematischer Wechsel auf eine dedizierte Stabssoftware. Diese wird sowohl im Einsatzleitwagen als auch im stationären Führungshaus genutzt. Der Mehrwert entsteht nicht nur durch die Technik, sondern vor allem durch die klare organisatorische Festlegung von Zuständigkeiten, Systemgrenzen und Übergabepunkten.

Damit wird verhindert, dass im Ernstfall mehrere Anwendungen unkoordiniert parallel genutzt werden. Die Feuerwehr definiert vor der Lage, welches System welchen Zweck erfüllt. Genau diese organisatorische Vorarbeit reduziert Reibungsverluste an der Einsatzstelle und stärkt die Informationsgrundlage für taktische Führungsentscheidungen.

Text: BKS Report

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